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gestern, heute, Zukunft

Es sei, so meinte ich neulich im Rundfunk gehört zu haben, an der Zeit, die Zukunft Deutschlands nun endlich zu beginnen. Obwohl, Zukunft beginnt eigentlich immer und auch überall; aber ob es sich bei Deutschlands Zukunft um die allgemeingültige, universelle Zukunft handeln würde, ließ der Sprecher des Kurzwellen-Mediums nicht erkennen.

Diese, von mir nur sekundär empfangene Aussage eines anonymen, wohl aber einigen Wenigen bekannten medialen Zeitgenossen, ließ mein Unterbewußtsein nicht mehr los. Der Drang, eines mir Unbekannten, Zukunft endlich auch für Deutschland beginnen zu lassen, mußte zwangsläufig mein Bewußtsein erreichen und sich dort manifestieren. Gedanken, des souveränen Menschen geistiger Vollzeitjob, bedürfen eines ständigen Wandels von der Frage zur Antwort, vom elektrischen Impuls des Wissenwollens zu einem  manchmal nur zu erreichenden synaptischen Achselzucken.

Marter im Kopf, Fehlschaltungen elektrischer Schaltkreise bis hin zu einem Kollaps des gesamten Denkvermögens, lassen Fragen – und ausbleibende Antworten – ein Empfinden totaler Leere entstehen. Man empfindet sich wie ein Bleiakkumulator, dessen Anode sich zermatscht, wo erbrachte Leistung sich entlädt in Blasen, Säuren und Gasen. Nichts von Bestand, nichts, was rühmlich zu erwähnen wäre. Dabei geht es doch um nichts weniger, als die deutsche Zukunft. Hat sie vielleicht schon begonnen, während meine Gedanken einen ersten Entwurf konzipierten? Ist ohne mein Wissen und ohne mein Zutun Deutschlands Zukunft zur Realität gereift? Kann ich überhaupt noch den Anschluß erreichen oder werde ich, wie so oft, in der Gegenwart gefangen bleiben? In DER Gegenwart, die sich aus der Vergangenheit speist, in der die Zukunft nie ankommen wird?

Ich könnte fragen, könnte den anonymen Wellenreiter audiophober Ideen versuchen zu kontaktieren; nur, was würde mir diese Mühe bringen? Wäre ich mit der Antwort, sollte ich denn eine erhalten, zufrieden? Würde mein geistiger Status endlich höhere Weihen erhalten oder müßte ich die qualvolle Prozedur des Lernens und die fast-Unmöglichkeit des Verstehens selbst schmerzlich erfahren? Würde es sich überhaupt lohnen, Geld in Gingko-, Knoblauch-, Nuß- und Rosinenprodukte, zwecks Steigerung der Denkfähigkeit und somit auch des möglichen Erfolges des Verstehens, zu investieren?

Den Beginn der Zukunft Deutschlands doch noch zu erleben, einen kleinenTeil des unbeschreiblichen ersten Schrittes in das Neue, das vermutlich Gute zu vollziehen, ist die Dividende der Investition unsäglicher Mühen und unbeschreiblichen Durchhaltevermögens. Ja, ich will dabei sein wenn Deutschland erwacht und die Zukunft beginnt! Was mich noch martert, ist, daß ich den ersten Schritt wohl doch verpaßt haben könnte. Zukunft soll ja fließend sein und deshalb werde ich mich auf den großen Fluß des Lebens wagen – wenn auch nur mit Schwimmweste und Notproviant – aber, immerhin.

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Kategorien:Satire
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